Ilonka Breitmeier - Leseproben

Zwei Punks, ein Wohnzimmer und ein Besuch

Tom, der gerade dabei war, seine frisch gewaschenen Haare zu stylen, damit sie so richtig schön fettig, zerwühlt und stachelig von seinem Kopf stachen, wie zerstörte Antennen nach einem intergallaktischem Angriff, stand seit einer halben Stunde vor dem Spiegel und versuchte verzweifelt mit Bier, Gel und Spray seine güngefärbten Haare in eine Form zu zwingen, die sie freiwillig niemals angenommen hätten.
"Komm sofort aus dem Bad heraus!" Seine Schwester trommelte gegen die Badezimmertür.
"Ich habe auch noch eine Verabredung und bin spät dran."
"Verpiss dich", rief Tom, "für deinen Macker brauchste eh keenen Spiegel, der fährt auf deine Super-Asi-Schiene voll ab."
"Du hast es gerade nötig", blökte die Schwester zurück, "steck deinen Schädel in die Kloschüssel, vielleicht reinigt das deine Gehirnwindungen." Wütend trat sie gegen die Tür. "Leck mich", für Tom war das Gespräch beendet und er fragte sich, warum er mit einer großen Schwester bestraft war. Wenige Sekunden später klopfte sie erneut an die Tür: "Telefon für dich. Es ist Jerry. Sagt, es ist wichtig."
Tom drehte den Schlüssel und riss die Tür auf. "Wehe, wenn das ein Trick ist!", warnte er. Seine Schwester lachte nur und meinte:"Du sollst doch nicht in die Steckdose fassen, hat Mama gesagt." Diese Anspielung auf seine Frisur war alt und seine Erwiderung war jedes Mal: "Besser unter Strom, als in den Farbeimer gefallen."
Er nahm den Hörer ab und bellte:"Was!"
"Mensch, Keule, ich bins. Du musst sofort kommen. Alarmstufe Rot! Meine Ratte ist abgehauen. Sie hat sich irgendwo im Wohnzimmer verkrochen und meine Alte kriegt Besuch. Wenn die Grufties mitkriegen, dass Mr. Black an ihrer Torte knabbert, kriegen die nochn Herzkasper und meine Olle kotzt voll ab."
"Reg dich ab, bin schon unterwegs." Tom knallte den Hörer auf, griff nach seiner Lederjacke, die mit mehr Graffity besprüht war, als die Berliner U-Bahn und warf einen schnellen zufriedenen Blick in den Spiegel. Er sah geil abgerissen aus.
Wenige Minuten später klingelte er Sturm bei Jerry. Die Mutter, bereits im Damenkränzchen-Outfit, öffnete die Tür und flötete suffisant:"Hi Tom, wieder von einem Lastwagen erwischt worden? Ich lass dich rein, wenn du mir versprichst, mich nicht mit deinen grünen Dornen aufzuspießen, ha, ha, hi, hi."
"Sind wir heute wieder gut gelaunt und so witzig, Frau Kühle, echt cooler Spruch. Ham se lange drüber gegrübelt?"
"Nein, so was fällt mir ganz spontan ein, wenn ich euch lustige Jungs so beoabchte.
Übrigens Jerry kriecht gerade ein wenig im Wohnzimmer herum und sucht seinen verlorenen Ohrring, wenn man das so nennen kann. Ich hoffe, ihr findet ihn bevor mein Besuch kommt und euch sieht, das wäre dann nämlich das Ende meiner gesellschaftlichen Karriere und ich würde ungerne umziehen."
"Keine Panik, Frau Kühle, wir kriegen das Ding schon geschaukelt und verdünniesieren uns dann."
Ein Arm kam aus der Wohnzimmerstür geschnellt, packte Tom und riss ihn hinein.
"Krass, deine Alte!", grinste Tom, "haste Mr. Black erwischt?"
"Scheiße, nein!"
Der Anblick der beiden Punks, wie sie auf allen Vieren im eleganten, teuren Wohnzimmer herumkrauchten und Mr. Black anflehten aufzutauchen, war wirklich unbeschreiblich.