Ilonka Breitmeier - Leseproben

Ich verspreche dir einen Rosengarten

James Galway strich sich mit seinen gut manikürten Händen über den gerade in Mode gekommenen Schnauzbart und schaute zufrieden aus den bodenlangen Fenstern des alten Herrensitzes. Er Lächelte siegesgewiss. Er, stolzer Nachfahre einer angesehenen Rosenzüchterfamilie aus England, hatte es geschafft. Sie würden alle kommen. Die ganze höhere Gesellschaft, die ihn eine gemessene Zeitlang pikiert gemustert und hochnäsig abgelehnt hatte, wenn auch mit verstohlener Neugier, belustigt, aber nicht uninteressiert, würden ihm heute die Ehre ihres Besuchs geben. Ihm, dem Neuling im Orte nahe Winchester Cathedral, der das Chateau de Napoleon neu ausbauen ließ, den Rosengarten neu anlegen, den gewaltigen Springbrunnen im Vorhof restaurieren.
Wo hatte dieser Mr. Galway das viele Geld her? Die wildesten Gerüchte krusierten seit einiger Zeit in der alten Grafschaft, in der es nur um Titel, Posten und Traditionen ging. Es war die Rede von Piraterie, großen Erbschaften, Spekulationen, Glückspiel. Zunächst wuchs die Unsicherheit, aber schließlich siegte doch der schnöde alte Mamon über Stolz und Vorurteil und es zählte nur noch der Erfolg, der gewöhnlich Macht nach sich zieht.
Nun musste James Galway nur noch eine Gemahlin finden, mit einem ihm angemessenen Titel und die Zukunft würde ihm gehören. Sein Verbündeter in dieser pikanten Mission war kein Geringerer als General de Malakoff, der für seine diplomatische Vorgehensweise berühmt war und dieses gesellschaftlliche Ereignis vorbereitet hatte. Soeben trafen die ersten geladenen Gäste ein. Gräfin Celsiana von gerader, eleganter Gestalt stieg soeben aus ihrem Vierspänner. Ihr zitronengelber, blütenhafter Sommerhut leuchtete schon von Weitem. Sie brachte ihre beiden wunderschönen Töchter mit: Marinette und Alexandra d`Orleans mit einem vielschichtigen, auffällig-rotem Gewand. Sie galt als tres complicata, aber auch von vitaler Lebenskraft strotzend und voller Begierde. James konnte bei ihrem Anblick bereits ihr teures, blütenreines Parfum: Spitit of freedem erahnen, dass sie bei solchen Anlässen immer umwehte und was ihn schwindeln machte, wie eine süße Verführung. Der alte Baron Falstaff von kräftigem Wuchs, mit buschigen Augenbrauen, kam sehr aufrecht daher in seinem dunklen karmesinroten Zweiteiler, begleitet von der bezaubernden, erfrischenden Anne Boleyn, die außergewöhnlich reich war und sehr elegant in ihrem hübschen rosettenförmigen Kleid in weichem warmen Rosa gehalten. Bobbie James führte May Queen, Baronin von Mermaid, einem stolzen, alten Adelsgeschlecht wie ein Ros entsprungen. Gefolgt von Lady Sylvia und Georgina, die Erotik und Verheißung ausstrahlten, wie eine laue Sommernacht. Geoff Hamilton, attraktiv und schlagfertig begleitete Gertrude Jekyll mit Prinzessin Margaret von Glamis Castle einem reinweißen, verwunschenen Schloss, das von märchenhaften Rosenbüschen nahezu zugewachsen war, erschien wie nach einem langen Schlaf in unbeflekter Reinheit. Graf Molineux, mit herber Moschusduftnote, ein ausgezeichneter Kämpfer von aufrechtem Wuchs hielt beschützend Lady Evelyns Hand, die in apricot-gelben perfekt sitzenden langen Handschuhen ruhte, passend zu ihrem weiten fließenden Obergewand. Sogar Christian Behning, der einstmals Henriette Dufresne einen Rosengarten versprochen hatte, kam aus dem alten Haus im schönen Wendland den weiten Weg mit seiner preisgekrönten Stute Golden Celebration. Aber der Höhepunkt war Crown Princess of Margareta, die mit ihrer Cousine Constance Spry kam, einer begabten Schülerin von Charles Darwin. Sie war intelligent und unglaublich verführerisch in ihrer vornehmen, filigranen Art sich in verschiedenen Rosatönen zu kleiden. Last but not least erschien zu seiner großen Freude David Austin, ein langjähriger Freund seiner Familie, der sich hervorragend in den Gepflogenheiten dieser exquisiten Gesellschaft auskannte und ihm bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen würde.
James Galway frohlockte. Dieser Abend würde ihm unweigerlich den Durchbruch in der adeligen Welt bringen und wer weiß? Vielleicht würde er sogar das Herz einer dieser rosigen Ladies für immer gewinnen. Und einen Adelstitel dazu!

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