Ilonka Breitmeier - Leseproben

Die Möwe

Kerzengerade saß sie im Schatten auf ihrer Terasse und wartete. Auf dem kleinen Tisch von ihr stand eine Tasse mit Tee und Likör. Er war lauwarm wie ihre Gefühle und trotz der warmen Farben ihrer Terasse fröstelte es sie. Worauf wartete sie eigentlich? Die Vögel im wundervollen Garten erzählten vom Leben und von der Liebe. Vom herrischen Meer, jenseits der Mauern, vom bunten Treiben in den engen weißen Gassen, von Marktschreiern, die überflüssige Waren verschwenderischen Kunden anpriesen, von Damen mit großen Sonnenhüten, die kleine Hunde oder Kinder ausführten. Ja, dort draußen, nur wenige Schritte entfernt, tobte das Leben, kämpfte die Liebe gegen Eifersucht und Stolz, verführten Düfte die müßigen Gemüter.
Nach der Siesta, die Pia-Marie in eine Art Koma versetzt hatte, war sie nur schwerfällig aufgestanden. Sie musste sich zu jedem Schritt zwingen. Deutlich verspürte sie ihre Knochen, den Rücken, der von jahrelanger Arbeit ohne Schonung gelitten hatte. Das Herz war ihr schwer. Sie gähnte und streckte sich, schaute in ihren Garten, der sie mit Lichtreflexen begrüßte. Jeder Baum, jeder Strauch, jede Blume, die unter ihren geschäftigen Händen gewachsen und erblüht war, war ihr vertraut wie Freund oder Freundin, bescheiden, treu und anspruchslos. Aber sie konnte die Freude, die sie sonst am Anblick dieser stillen Ordnung empfand nicht spüren. Sie bereitete sich mit schläfrigen Fingern einen Tee und goss ein wenig vom selbst gemachten Likör hinein. Aber selbst dieser Genuss, konnte ihre Stimmung nicht heben.
Sie waren alle fort. Ihr Mann, ihre Freunde, die Kinder und Enkel. Alle fort, tot oder verstreut in einer ihr unzugänglichen Welt. Pia-Marie blieb allein zurück. Was sollte nun werden? Sie wusste es nicht. Ihr Kopf war leer wie ein ausgewrungener Schwamm.
Sie musste etwas unternehmen. Hinausgehen in die Welt dort draußen, die sie kannte und doch nicht vermisste. Die Sonne brannte erbarmungslos bis sie glutrot im Meer zur Ruhe kam, um am nächsten Morgen erfrischt und geputzt ihren Weg anzutreten. Ach, könnte ich nur wie die Sonne sein, dachte Pia-Marie. Sie zog ihr schönstes Gewand an und verließ ihren Garten, ihre Terasse, ihre Pflanzen und ihre Vergangenheit. Die Bewegung würde ihr gut tun. Und wer weiß? Reisende erlebten die seltsamsten Dinge. Vertrauensvoll machte sie sich auf den Weg in eine neue ungwisse Zukunft. Sie würde sich treiben lassen wie eine Möwe im Auftrieb des Windes. Ein weißes Licht vor einem unendlich blauen Ozean.
Es gab etwas da draußen im Universum, das war stärker als alle Gedanken. Und es würde für sie sorgen, wie es immer für sie gesorgt hatte. Diese Gewissheit machte es ihr leichter. Auf einmal war ihre Zukunft nicht mehr grau wie ein Nebel. Sondern bunt wie ihr Garten, der auf sie wartete, geduldig, wie nur die Natur es sein kann.