Ilonka Breitmeier - Leseproben

Mein Elternhaus

Als meine Mutter in den fünfziger Jahren mit uns Zwillingen schwanger ging, schleppte sie noch Steine, damit das Haus, dass sie mit meinem Vater baute, fertig würde ehe wir das Licht der Paulstraße Dreizehn erblickten. Es war eine kleine Einbahnstraße, in der so selten ein Auto auftauchte, dass wir überall ungehindert spielen konnten. Damals durfte man sich umsonst ein Trümmergrundstück oder eine Kriegsruine aussuchen, wo man bauen wollte. Für ein paar Zigaretten halfen Gefängnisinsassen mit Ausgeherlaubnis bei Räum- und Aufbauarbeiten. Zum Hausgrundstück gehörte ein großer Garten. Das Haus bekam drei Stockwerke mit je drei Zimmern, Küche, Bad, Balkon und unsere Wohnung unten hatte eine große Terasse mit Blumenbeet, die zum Garten hin abfiel. Der Rasen war umsäumt mit blumenprächtigen Beeten und Sträuchern, je einem Sauerkirsch-, Pflaumen- und Pfirsichbaum, einer Trauerweide, einem Hundezwinger, einer Schaukel und einem Planschbecken mit Rasensprenger, dem Hit jeden Sommers.
Unsere Küche mit selbst bemalten Einbauschränken in hellblau, rosa und giftgrün hatte eine Durchreiche zur Essecke, die mit zwei Stufen hinunter zum Wohnzimmer führte, ein extravaganter, moderner Luxus zur damaligen Zeit. Ein langer fensterloser Flur verband Küche mit Schlafzimmer, Salon und Kinderzimmer. Die Küche war von der Eingangstür am weitesten entfernt, da das als vornehm galt.
Haus und Garten bevölkerten neben meiner Schwester und den Eltern: Verwandte, Nachbarn, Freunde und jede Menge Jagdhunde, Meerschweinchen, Igel, Kanarienvögel, Schildkröten, Enten und Katzen, und Regenwürmer und Schnecken wurden in Schuhkartons zur Paarung angehalten, was natürlich nie funktionierte. Der Garten vibrierte im Sommer von Kindergeschrei, dem Bellen der Hunde, mit denen mein Vater herumtollte, während meine Mutter in selbst genähten, blumigen Glockenrockkleidern mit engen, ärmellosen Oberteilen in der Hollywoodschaukel sonnenbadete. Abends wurden alle Kinder gemeinsam in die Badewanne gesteckt und geschrubbt. Im Winter diente die Terassenschräge als Rodelbahn und Schneemänner freundeten sich mit uns an, bis sie gegen Ostern langsam schmolzen und unzähligen Schneeglöckchen und Krokussen Nahrung spendeten.
Auf der kleinen Straße kannten sich alle. Wir Kinder spielten sommers wie winters den ganzen Tag draußen: Räuber und Gendarm, Dopp, Rollschuh, Gummitwist, Einfangen und Verstecken, Himmel und Hölle, Deutschland erklärt den Krieg und Fischer, wie tief ist das Wasser. Im Sommer tollten alle Kinder nackt und ungeniert im Garten herum, auf der Straße erkundeten wir verbotene Ruinen mit wilden Gärten oder versteckten uns heimlich stundenlang in der Hundehütte des Nachbarn oder in fremden Kellern, wo wir uns zu Tode gruselten. Abends reichte meine Mutter frisch gebackenes Brot mit dick guter Butter und Rübenkraut aus dem Küchenfenster, für alle hungrigen Mäuler, die ihr Spiel nicht unterbrechen wolllten.
Meine Lieblingsspeise waren Brote mit Teewurst oder Velveta Schmelzkäse, Grillhähnchen mit Apfelmus, Reibeplätzchen, Hering in Sahnesoße, aber ohne Hering. Ich hasste Möhrengemüse und Harzer Rolle mit Kümmel.
Wenn im Frühling das Thermometer die fünfzehn Gradmarke erreichte, war der Höhepunkt des Jahres da. Wir durften die dicken, wollenden, kratzenden Strumpfhosen gegen Kniestrümpfe tauschen und hüpften fröhlich befreit und bettelnd von Haus zu Haus, damit auch unsere Freundinnen endlich Kniestrümpfe anziehen durften. Wenn wir zehn Pfennig für eine Kugel Eis bekamen oder fünfundzwanzig Pfennig für den Jahrmarkt, zu Weihnachten ein Kleid für die geliebte Puppe oder zu Ostern einen neuen Ball, war das schon Luxus pur. Zu Weihnachten packten wir bunte Päckchen mit selbst gebackenen Keksen und legten sie einsamen Omis vor die Tür. Mit acht Jahren spielten wir im Garten Märchen nach, um am Ende endlich den Nachbarsjungen küssen zu dürfen, der sich angemessen wehrte, aber den Kampf immer verlor.
Wir waren die Ersten auf der Paulstraße, die eine Isetta hatten, mit der uns unsere Mutter zum Schwimmen fuhr und die Ersten mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher. Highlights waren sonntags die Augsburger Puppenkiste, gefolgt vom Schatz am Silbersee und später dann Emma Peel, die wir, da verboten, abwechselnd durchs Schlüsselloch verfolgten. Nie werde ich vergessen, wie meine Mutter uns aufgeregt aus dem Garten hoch rief: "Kinderchen kommt schnell, die Beatles sind im Fernseher!" Und wir tanzten zu dritt begeistert durchs Wohnzimmer. Zur Fußballweltmeisterschaft kam die halbe Straße und bei der Mondlandung wurden wir extra aus den Betten geholt.
Oben auf dem Garagendach des Nachbargrundstücks hatte ich im Schutz der Trauerweide eine kleine geheime Wohnung eingerichtet mit Holzkisten, Decken und Kissen. Dort durfte nie jemand außer mir sein. Dorthin zog ich mich mit selbst gepflückten Kirschen und Pflaumen zurück, um meiner Fantasie freien Lauf zu lassen und zu träumen: von der Zukunft, von Rittern und Indianern, von Ferien am Meer und den Geheimnissen meiner Freunde. Dort wurde ich zum Burgfräulein, das Prinz Eisenherz den Schleier fürs Turnier reichte oder eine vornehme Dame, die ihre unsichtbaren Gäste bewirtete.
Noch heute steht die Trauerweide dort hinten links im Garten, obwohl sie arg angeschlagen ist, wie auch mein Lebensbaum, den mein Papi für seine Kinder pflanzte. Die Obstbäume gibt es nicht mehr, aber noch immer koche ich jedes Jahr Sauerkirschen zu Marmelade ein, wie meine Großmutter vor vierzig Jahren. Dann schmecke ich die köstlich, unbeschwerte Kindheit, die ich in meinem Elternhaus verbrachte, wo ich Blutsbrüderschaft mit meinen Freundinnen schloss, bis über beide Ohren in Winnetou verknallt war, Schätze vergrub, die wir als Erwachsene gemeinsam wieder ausgraben wollten und all die anderen Spiele, die wir damals teilten. Noch heute wohnt meine Mutter dort, in unserem Haus, und wenn ich sie mit meiner Familie und ihrem Enkel besuche, spielt er mit den Kindern des Nachbarsjungen, der damals der geküsste Prinz war und heute wieder dort wohnt, im Nebenhaus, wie eh und je. Und was spielen unsere Kinder? Computer!, und essen dazu Eisbecher für sechs Euro.

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