Ilonka Breitmeier - Leseproben

Die Lawine

"Mein Kind, nimm nicht dein Snowboard, geh nicht auf den Berg, du wirst nur eine Lawine auslösen und den Tod finden."
Aber all der schöne Schnee ist so verlockend, die Schnelligkeit, das Abenteuer, die Spontaneität, die Kraft der Natur, der Kampf mit dem Berg, der ruft:"Komm her zu mir, ich warte auf dich, das wird ein einmaliges Erlebnis. Ich bin nicht nur der Tod sondern auch das Leben:"
Und so schlägt das Kind die Warnung in den Wind und nimmt sein Snowboard und geht auf den Berg. Es will in die Welt hinausgehen, denn würde es nur ängstlich zu Hause sitzen, könnte es ja nie etwas erleben. Es will die Herausforderung, die Hitze, die aus der Kälte kommt, den Triumph, der aus der Gefahr wächst, das Erlebnis, das ihn mutiger und stärker machen wird. Es will am Berg wachsen und erwachsen werden.
"Geh nicht allein auf den Berg, fürchte die Lawine!"
Natürlich zog das Kind los, trotz der Warnung und klar, es traf die Lawine. Aber die Lawine steckte fest an einer Mauer aus Felgeröll und klagte:"Hilf mir! Ich will rollen und rumpeln und alles mit mir reißen, denn das ist meine Natur."
"Und woher weiß ich, dass du mich nicht mit dir in die Tiefe reißt und mich begräbst im ewigen Eis?", fragte das Kind. "Das kannst du nicht wissen, du musst mir einfach vertrauen." "Okay, Lawine, ich riskier es, no risk, no fun! Also, dann los!" Und das Kind stemmte sich gegen den Fels und der Fels rollte beiseite und die Lawine stürzte befreit los. Sie machte einen weiten Bogen um das Kind, denn Lawinen töten nicht in Geschichen wie dieser.
Das Kind staunte, als es die Kräfte der Natur so nah mitansehen konnte. Im Hinunterpoltern bedankte sich die Lawine beim Kind und donnerte:"Von nun an weißt du, wer es gut mit dir meint und wer weniger gut, und du wirst nicht auf Leute hören die sagen:"Mein Kind, nimm nicht dein Snowboard, geh nicht auf den Berg, du wirst nur eine Lawine auslösen und den Tod finden."