Ilonka Breitmeier - Leseproben

Katzenwäsche

Dienstags erwachte ich zu jener seelenlosen und unwesentlichen Zeit, da die Nacht eigentlich schon zu Ende geht und die Morgendämmerung noch nicht recht begonnen hat. Traumfetzen streunten durch mein Hirn wie herrenlose Kater auf der Suche nach Nahrung. Ich wollte sie festhalten, das Wesentliche herausfiltern, aber sie verschwanden im Nebel der Zeit. Wieso war ich überhaupt aufgewacht? Durch ein Geräsch? Einen Geruch? Einen Schmerz?
Es ist etwas schreckliches passiert, dachte ich und bekam eine Gänsehaut. Wer oder was hatte da seine kalte Hand nach mir ausgestreckt und meinen warmen, wohligen Schlaf berührt, gestört, unterbrochen?
Ich verspürte große Lust, diesen Gedanken fallen zu lassen und nahm einen Schluck Wasser. Ich wechselte die Schlafposition und schloss die Augen. Vielleicht konnte ich den Traum wieder finden, eine Fortsetzung anknöpfen, einen unbewussten Gedanken erhaschen. Aber der Kater zeigte seine Krallen, kratzte ein wenig am Zweifel, wirbelte hier und da meine Gedanken durcheinander und spielte ein bisschen mit den Bettfedern.
Zornig schaute ich auf die Uhr: 5 Uhr 13. "Oh, mein Gott!", schimpfte ich und die Wut ließ mich noch wacher werden. "Lass mich endlich weiter schlafen du böse, böse Miezekatze!", murmelte ich und warf mich auf die andere Seite.
Durch die Lamellen stahl sich ein erstes Grau, zäh und zögerlich zunächst, aber ich war auf der Hut. Nun fingen auch noch alle Vögel im Hinterhof an, den ersten Schimmer des Tages zu begrüßen. Es klang, als lachten sie mich aus.
"Geh und friss die Vögel", forderte ich den Kater auf. "Sie haben es nicht anders verdient." Der Kater schnurrte genüsslich, gähnte unverschämt und fing an sich zu dehnen und zu strecken. "Okay, na gut, du hast gewonnen!" gab ich auf und tat es ihm nach.
Müde und mürrisch quälte ich mich aus den warmen Federn und zog die Lamellen hoch, öffnete das Fenster weit und atmete tief die erste Morgenluft ein. Der Himmel begann sich wolkenlos blau zu färben, hinter den Dächern konnte ich die Sonne spüren, gleich einer Explosion und die Vögel triumphierten über das Schwarz der Nacht.
Die Zeit war nicht Länger seelenlos und unwesentlich. Etwas Schönes erwartete mich an diesem Tag, der nach meinem Geschmack viel zu früh angefangen hatte, vielleicht sogar etwas Wichtiges, das mein Leben wesentlich verändern würde. Der erste Lichtstrahl traf mich wie ein Blitz, unvorbereitet, aber nicht unangenehm. Der Kater wusch sich in der Sonne.